Ein Professor gegen den Rest des Universums
In seinem neuesten Buch lässt der Evolutionsbiologe Richard Dawkins es richtig krachen. Der Anführer des Neodarwinismus untersucht in diesem 500-Seiten-Opus die Beziehung religiös-tradierter Glaubensätze zur – wie er meint – „objektiven“ Realität unabhängig unseres Wunschdenkens von ihr. Er tut dies mit einer geballten Portion Logik, Humor, Bissigkeit sowie Scharfsinn und hält allen verbohrten (Klein-)Gläubigen oder Realitätsverdrehern knallhart den Spiegel vor (und das ist auch gut so meine ich). Sein Fazit ist, dass die existierenden religiösen Grundüberzeugungen auf dieser unserer Welt so gut wie in keiner Beziehung zu jener Realität stehen, wie sie die Wissenschaften der letzten 200 Jahre für uns erschlossen hat. Wie schon im Titel angedeutet, betrifft dieser Befund für ihn vorrangig den allgemein verbreiteten Glauben an einen übernatürlichen, gar intelligenten Schöpfergott.
Richard Dawkins ist überzeugt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit existiert dieser Gott nicht.
Dawkins Argumentationsketten in jener letzten Frage (siehe Kapitel 4) bestehen für mich im Wesentlichen aus Wahrscheinlichkeits- sowie Plausibilitätsüberlegungen. Dass der Gott der systematisierten Religionen so nicht funktioniert bzw. existiert, steht für mich ohnehin außer Frage. Dieses Buch räumt mit etlichen verstaubten Vorstellungen von Moral, Schuld und Sühne auf, die der Welt bisher gewaltigen Schaden zugefügt haben. Der Sprachstil ist angesichts des Diskussionsgegenstandes angebracht; Polemik, Bissigkeit, Sarkasmus und knallharte Offenheit führen meines Erachtens dazu, auch hartnäckige Ignoranten in ihrer einseitigen (und damit ungerechten) Weltsicht wenigstens ein bisschen wach zu rütteln.
Trotzdem halte ich den Versuch des Oxford-Gelehrten, ein transzendentes, intelligentes Agens aus dieser unserer Realität völlig wegzuargumentieren, für nicht gelungen. Dies war meiner Meinung nach sein Anliegen, auch wenn er – vermutlich aus akademischen sowie diplomatischen Gründen - betont, dass es ihm „nur“ darum ging, mit wissenschaftlichen Mitteln die Wahrscheinlichkeit für oder gegen die Existenz eines „Gottes nach Menschenart“ abzuschätzen.
Da Gott in Kreationistenkreisen als wissenschaftliche Hypothese (oder gar als Tatsache) gehandelt wird, bemüht sich Dawkins – wie ich meine, sehr gelungen – darum, den Irrglauben an eine gestaltende übernatürliche Hand im Evolutionsprozess ad absurdum zu führen und ihr den rechten Platz in der wissenschaftlichen Debatte einzuräumen, nämlich: Die Gotteshypothese, die für sich alleine steht, also ohne Bezug zu den empirisch nachgewiesenen Tatsachen ist, ist keine wissenschaftliche, sondern eine metaphysische Hypothese und damit immun für alle kritischen Argumente. Dawkins erinnert uns eindringlich daran, was eine solche Immunität für die gegenseitige Wertschätzung der Menschen bedeutet: Ignoranz, Abwertung anders Denkender und das Erzeugen von unnötigen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Dabei schießt er aber meines Erachtens über sein Ziel hinaus, indem er unglücklicherweise neue metaphysische Annahmen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest gegen die gerade Ausrangierten eintauscht.
Sicherlich ist es unplausibel, anzunehmen, es gäbe rosarote Feen, so wie es auch recht unplausibel ist, dass eine mystische Teekanne im Weltall kreist, obschon niemand in der Lage ist, beide Behauptungen zu beweisen bzw. zu widerlegen. Wir können diese Plausibilität deshalb so gut abschätzen, weil wir im Gegensatz zu den Anfängen der menschlichen Entwicklung die Gesetze, die unseren Kosmos beherrschen, einigermaßen dechiffriert haben und diese Gesetze scheinen solche Phänomene schlicht und einfach nicht zuzulassen. Auch haben wir evolutionsbiologisch Erfahrungswerte gesammelt, die unsere Intuition gegenüber derartigen Behauptungen geschärft haben.
Es ist jedoch eine Sache, mit rosaroten Feen, Teekannen, Armbanduhren oder der unbefleckten Empfängnis Jesu u. ä. zu argumentieren, eine ganz andere Sache ist es hingegen, Argumente dieser Art auf das Universum oder seine schiere Existenz zu verallgemeinern im Stile von „wenn es keine mystischen Teetassen im Universum gibt, dann gibt es auch keine zweckmäßige Grundlage der Realität außerhalb und/oder innerhalb des Universums“. Dawkins ist nach meinem Verständnis der felsenfesten Überzeugung, wir würden auch die letzten Rätsel unseres Daseins – wenn nicht heute, so doch irgendwann - mit den Mitteln der analytischen Vernunft zu lösen im Stande sein. Er hält offensichtlich Fragen wie die nach der Herkunft der Naturgesetze und des darauf folgenden ganzen Rests für wissenschaftlich ergründbar. Hierzu würde vermutlich dann auch das „Geschenk“ der Logik an uns Menschen gehören, welches wohl mit diesen Gesetzen erst entstand. Die nötige Sicherheit hierzu bezieht er wohl aus den in Kapitel 4 ausführlich diskutierten sog. „Gott-als-Lückenbüßer“-Argumenten und aus dem sog. anthropischen Argument. Für mich persönlich ist das anthropische Argument keine echte Erklärung, sondern bestenfalls eine simple Feststellung: „Die Welt ist so, weil sie so ist, wie sie ist“. An Plausibilität kann das Argument erst dann gewinnen, wenn wir genau wissen, welche Zutaten für außer- und innerirdisches Leben ganz prinzipiell – und vor allem universell und möglicherweise auch multiversell - hinreichend oder gar notwendig sind. Denn dann machen Wahrscheinlichkeitsaussagen – die ja Leben und Bewusstsein voraussetzen -, erst richtig Sinn.
An dieser Stelle nun versteigt sich Dawkins in Bezug auf die Frage nach der Höhe der Wahrscheinlichkeit in unserem Universum, leben zu „gebären“, nicht minder in metaphysische Annahmen wie es die Gotteshypothese in manchen Fällen tut. Er erwägt ein kosmologisches Modell des Physikers Lee Smolin, mit dem sich untermauern lassen soll, was er immer schon gewusst zu haben scheint: Die Entstehung von Leben ist wahrscheinlicher (von außerirdischen Lebensformen gar nicht erst zu reden), als wir alle es bisher annahmen. Für diese Feststellung bräuchte er jedoch weder Lee Smolin noch dessen Spekulationen über Babywelten, sondern eigentlich nur das anthropische Argument: Die Wahrscheinlichkeit für Leben, ist dermaßen hoch, schlicht und einfach weil es uns gibt (und wir und manche Außerirdischen darüber nachdenken könnten). Früher oder später wird sich, um nun Dawkins selbst zu paraphrasieren „innerhalb einer für den Menschen unvorstellbar langen Zeitspanne…“ irgendwo Leben entwickeln, entweder aufgrund von vielen parallelen Welten, aufgrund eines oszillierenden Universums, aufgrund der Babywelten-Hypothese von Smolin oder schlicht aufgrund Dawkins` eigener statistischer Einschätzung: ca. 100 Milliarden lebensfreundliche Galaxien soll es allein in unserem Universum geben. Damit hat er eine quasi-paradoxe Situation geschaffen, denn aus der anfänglich überaus hohen Unwahrscheinlichkeit für die Entstehung von Leben ist nun nicht nur eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit geworden, sondern über erwähnte unvorstellbar lange Zeitspannen ist die Entstehung von Leben geradezu unvermeidbar. Was immer auch die Ursache der physikalischen Gesetzessammlung sein mag, die dies alles ermöglicht - ob Quantenfluktuationen, Multiversum, ein gottfreies Auftauchen aus dem schieren Nichts o. ä. -, sie lassen Leben und Bewusstsein zu und das halte ich für eine sehr bemerkenswerte Tatsache, die völlig außerhalb des Wahrscheinlichkeitsargumentes steht (im Gegensatz zur Gesetzessammlung religiös-tradierter Glaubenssysteme, die einer erfahrungsmäßigen Überprüfung zugänglich sind).
Smolins darwinistische Spekulationen über Babywelten hingegen – ein sicherlich gefundenes Fressen für unseren Buchautor -, die Viele-Welten-Theorie oder das oszillierende Universum sind ähnlicher Couleur wie die Gotteshypothese, nämlich metaphysische Annahmen, die weder falsifizierbar noch erkenntnistheoretisch befriedigend für mich sind. So ist das Babywelten-Modell zwar intellektuell reizvoll, aber intuitiv eher irreführend. Denn man muss sich in diesem Falle doch fragen, warum es gerade eine Verbindung zwischen einer kosmologischen und biologischer Selektion sein soll, die Mehrfachwelten zu erzeugen imstande ist. Die Antwort wäre in diesem Fall wiederum anthropisch: es liegt in der Natur der zu untersuchenden Sache. Ich glaube, hier ist Dawkins mehr einem anthropozentrischen Wunschdenken bzw. seiner selektiven Intuition gefolgt, als seinem Sachverstand. Denn gerade im Falle der Smolin`schen Version des Multiversums wäre Leben über kurz oder lang unvermeidbar und die Frage nach Herkunft und Beschaffenheit der darunter liegenden Naturgesetze, die dies ermöglichen, umso bedeutsamer.
Das Rätsel des Ursprungs der Welt bleibt. Wir können es Gott (welchen Gott auch immer), Quantenschaum, Nichts oder schlicht Etwas nennen. Was bleibt ist, dass wir keine Vorstellung davon haben, was die Welt letztlich begründet und mit deduktiven Schlüssen werden wir diese letzte Frage auch kaum beantworten können. Aus einer rein deduktiven Überlegung kann man nun einmal nicht mehr herausbekommen, als man in die Voraussetzungen hineingesteckt hat. Ob man schwarze Löcher incl. Leben in die Überlegungen hineinsteckt und dann am anderen Ende wiederum schwarze Löcher incl. Leben herausbekommt, ob man eine 5%-ige oder eine 90%-ige Wahrscheinlichkeit hineinsteckt, um 5% oder 90% wieder heraus zu bekommen, oder ob man andere Axiome wie beispielsweise Bibelverse hineinsteckt, ist dabei unerheblich.
Doch das scheint „Darwins Rottweiler“, wie Richard Dawkins in Fachkreisen bisweilen genannt wird, nicht im Mindesten zu stören. Sein Spiel mit den Grundüberzeugungen und den daran angekoppelten Gefühlsdynamiken der Menschen beherrscht er perfekt und viele sind ihm in dieser Hinsicht schon auf den Leim gegangen. Jedoch, dabei verbeißt sich der Oxforder Vorzeigeintellektuelle wie zu erwarten war weiterhin in höchst selektiv-subjektive – und wie ich meine – sehr voreilige Schlussfolgerungen, von denen sein „Anti-Gottes-Beweis“ durch Wahrscheinlichkeitsabwägungen nur der harmloseste unter allen ist. Dawkins ist meilenweit davon entfernt, diese Dinge bis auf ihren Grund ausgelotet zu haben.
Wenn wir von nur einem Universum ausgehen – dem unseren -, so bleiben Fragen wie
„Warum sollte der Kosmos überhaupt von Lebewesen rational verstehbar sein?“
„Warum lässt dieser Kosmos sich so gut mit relativ einfacher Mathematik beschreiben?“
„Warum haben wir diese Mathematik in – ja fast unvorstellbar kurzer Zeit von ca. 200 Jahren – entwickelt?“
„Warum sollte die biologische Evolution eine derartige Vernunftsleistung überhaupt begünstigen, wo wir sie doch offensichtlich nicht für das Überleben benötigen?“
„Warum kann diese Mathematik innerhalb von weniger als einer Lebensspanne von vielen motivierten Menschen verstanden werden?“
„Warum lässt diese Mathematik es zu, dass wir damit zukünftige Ereignisse (und auch vergangene Ereignisse) berechnen können?“
„Warum gibt es gerade diese Naturgesetze, die dies alles scheinbar ermöglichen, und nicht etwa ganz andere?“
„Warum gibt es ein biologisches Organ, das dermaßen komplex ist, dass es die Evolution bis heute nicht erklären konnte – nämlich das Bewusstsein?“
Diesen Fragen kann man sich geschickt dadurch entziehen, indem man eine Fülle von Universen postuliert, die jeweils unterschiedliche Naturkonstanten-Mischungen beinhalten. Nun, diese Strategie wirft dermaßen tiefreichende Fragen und Probleme auf, dass es fast amüsant ist, wie Dawkins trotzdem auf solche Hypothesen anspringt. Eine der harmloseren Fragen wäre da noch die, nach welchen Kriterien diese Universen eigentlich selektiert werden. Dawkins würde meinen, nach Lebenstauglichkeit - wie er sie versteht. Ob das auch für außerirdisches Leben gilt, bliebe aber für mich fragwürdig und das Selektionsargument schwarzer Löcher damit obsolet. In unserem Universum schiene es jedenfalls so zu sein, dass seine Grundstruktur die Verstehbarkeit derselben geradezu fordert. Aber nicht nur das. Diese Grundstruktur fordert dann sogar dass „Wissen“ um die Existenz aller dieser anderen Universen. Ich finde, das ist äußert verdächtig. In letzter Konsequenz würde damit alles existieren, was nicht durch jene ehernen Meta-Naturgesetze, die über diesem gigantischen Selektionsvorgang tronen (und von denen Dawkins erwartet, dass sie irgendwann von den Physikern dechiffriert werden), verboten ist. Über die Notwendigkeit gerade dieser Meta-Naturgesetze und die Art ihres Entstehens ist damit aber noch nichts gesagt. Das Problem der Wahrscheinlichkeit von Leben wurde damit lediglich zum Problem der scheinbaren Notwendigkeit gerade dieser Naturgesetze umformuliert. Wenn Dawkins also von Komplexität und Einfachheit spricht, so ist damit noch nichts gesagt, außer, das diese Bewertungen wohl mehr dem persönlichen Geschmack des Autors entspringen als der objektiven Realität.
Möglicherweise gibt es ja nicht nur ein Multiversum, sondern viele – in unendlichem Regress und mit einem Metasatz an Naturgesetzen nach dem anderen. Was wir also dringend bräuchten, ist nicht nur das Wissen um die notwendigen Zutaten, auf denen Leben, egal wo, physikalisch gründet, sondern auch eine physikalische Theorie, die ihre eigene Notwendigkeit erklärt. Ansonsten könnte alles und jedes durch Selektion hergeleitet werden und erklärt wäre dabei nichts. Schlimmer noch, es wäre damit jeder vernünftigen Überlegung über unsere Existenzgrundlagen der Boden entzogen. Da es aber eine solche Theorie, die sich selbst erklärt, für uns Menschen nicht geben kann (was seit Gödel, Chaitin und Turing Geschichte ist) ist der Vorhang für mich nach 580 Seiten maliziösem Humor und teilweise impulsivem Gewüte wieder zu und alle Fragen offen.
S. W.